Monat: November 2017

Lonely

So lonely von Per Nilsson – Rezension

So lonely auf einen Blick:

Titel: So Lonely
Erscheinungsjahr: 1996
Verlag Friedrich Oetinger
175 Seiten
übersetzt  von Birgitta Kicherer

Darüber, ob man weiterliest oder das Buch wieder zurücklegt, entscheidet in der Regel der erste Satz. Hier ist das anders, denn hier fesselt schon das Inhaltsverzeichnis!

Das erste Kapitel von So lonely heißt „Was du gesehen und gehört hättest (1)“  und das letzte „Was du gesehen und gehört hättest (2)“.

Was dazwischen passiert klingt so geheimnisvoll und spannend wie es ist.

Die Handlung spielt in Schweden, wo ihm das rothaarige Mädchen mit der moosgrünen Jacke auf dem Schulweg im Bus aufgefallen ist. Ihm, das ist der Protagonist.

Wie soll ich ihn nennen?
Ich nenne ihn: Er.
Dritte Person Singular maskulinum.
Er.

Sie, das ist Ann -Katrin , alias Herztrost, weil sie seines Herzens Trost ist.
Doch dann geht er für einen Monat in die USA .
Er schreibt ihr Briefe, aber als er wieder zurück ist, ist aus Herztrost Herzschmerz geworden.

Was macht so lonely so besonders?

Die erste Liebe wird oft thematisiert, doch seltener so schonungslos ehrlich aus der Sicht eines Jungen. Es geht um die Unsicherheiten, die er durchlebt, sowie um das Versagen seiner Vernunft und Rationalität. Die Dialoge der beiden sind unterhaltsam, doch der Leser versteht mehr, als der durch seine Sinne benebelte, namenlose Protagonist.  Er leidet und jeder, der schon einmal gelitten hat, wird seinen Schmerz teilen.

So lonely wird zu Nie wieder lonely

Mit „Was du gesehen und gehört hättest (2)” musst du dich nicht zufrieden geben, denn es gibt eine lohnenswerte Fortsetzung! Die Rezension zu Per Nilssons Nie wieder lonely gibt es demnächst hier.

johngreen

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green – Rezension

 

Ich war so gut darin, ein Kind zu sein, und so grottenschlecht darin, was immer ich jetzt war

John Green nimmt den Leser mit auf eine Exkursion durch den Kopf eines Teenagers:
Aza Holmes ist 16 Jahre alt und lebt mit ihrer Mutter zusammen in Indianopolis, ihr Vater ist tot.
Die Halbwaise ist gefangen in einer Spirale aus Ängsten, Zwängen und Depressionen.

Das wahre Grauen ist nicht, Angst zu haben, es ist keine andere Wahl zu haben.

Obwohl Betroffene im wahren Leben nicht offen über ihre Probleme reden und dadurch die Thematik zumindest mir fremd war, konnte ich mich gut in Aza hineinversetzen.

Ich konnte mein Leben lang nicht geradeaus denken oder auch nur einen Gedanken zu Ende denken, weil meine Gedanken keine Linien, sondern ineinander verknotete Schleifen waren.

Azas beste Freundin ist Daisy, die hervorsticht mit ihrer unverwechselbaren, bodenständigen Art.
Sie beschreibt sich selbst als arm, brennt für Star Wars, schreibt Fan-Fiction und hat einen Nebenjob, den sie hasst, weswegen sie sich auf die Jagd nach einer Belohnung machen möchte, die es für den Hinweis zum Verbleib des Milliardärs Russell Pickett gibt.

Zufällig ist dessen Sohn Davis, ein Junge, den Aza von früher kennt und so suchen sie ihn auf.

Davis und Aza kommen sich näher und er scheint Verständnis für sie zu haben,
doch Azas Gedankenspirale verengt sich, sodass eine Beziehung schwierig ist.

Auch Davis ist ein sehr sensibler Charakter mit philosophischen Gedanken, die er auch online auf seinem Blog teilt.

Wie für John Green typisch ist der Roman sehr tiefgründig und mehr als eine Geschichte:
Er ist eine Offenbarung über Ängste von Heranwachsenden, ihre Probleme, Moralbildung und Zukunftsvisionen.

 

Wir benutzen Sammelbegriffe wie Störung oder chronische Schmerzen, die das Übel ausgrenzen und kleinreden sollen. Der Ausdruck chronische Schmerzen erfasst nichts von den ständigen, gnadenlosen, zwangsläufig zermürbenden Qualen, die er zu beschreiben vorgibt. Und der Begriff Störung enthält nichts von Grauen und der Angst, mit denen du ständig leben musst. Die Wörter benennen auch nicht die Tapferkeit der Menschen, die diese Leiden ertragen.

Psychische Leiden werden enttabuisiert und Verständnis für diese gefördert.

Am Ende richtet sich John Green an seine Leser und macht Mut:

Es gibt immer Hoffnung, selbst wenn einem die Gedanken vormachen, es gebe keine.

 

Auf einen Blick

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von John Green
Erscheinungsdatum: 10.11.2017
288 Seiten
Hanser Verlag
Fester Einband
ISBN 978-3-446-25903-4
ePUB-Format
ISBN 978-3-446-25917-1

übersetzt aus dem Englischen von Sophie Zeitz

Augen zu, Augen auf- Neuanfang

Manchmal,
da möchte ich einfach nicht sein.
Manchmal,
da mache ich mich klein.

Ich schließe die Augen und denke mich fort,
an einen anderen, unbekannten Ort.

Dort lacht das Leben mich an und nicht aus-
Ich öffne die Augen und verlasse das Haus.

Denn Wege entstehen, wenn man sie geht
und so geh ich und gehe und bleibe nicht steh’n.

Doch wo ich ankomme, das weiß ich nicht,
und ob das überhaupt wichtig ist?

Wichtig ist der Moment und das Sein
mein Herzschlag im Einklang mit meinem Geist.
Meine Zufriedenheit und mein Lebensglück.
Ich bin zuversichtlich es zu finden.
Stück für Stück.

Düstere Landschaft

Bitterer Nachgeschmack

Weißt du noch wie kühler Sommerwind dich in meine Arme trieb?
Wie unsere Lippen sich küssten, als uns der Sommer die Liebe schenkte?
Wie wir zu Hause angekommen die Tür schlossen, damit uns niemand stören kann?
Unsere Herzen vereinten sich und wir schliefen bis zum Morgen nicht ein.
Das Leben strahlte uns an- diese Erinnerung bleibt.

Deine Nähe treib mein Herz zur Flucht, doch ohne dich geh’ ich zugrunde.
Tage und Nächte bin ich alleine, auch wenn jemand da ist.
Ich weine & schreie & rufe nach dir-
Ohne dich ist mein Leben leer.
Die Nacht, die Sterne & der Mond leuchten den Weg,
aber er führt nicht zu dir.
Was bleibt sind Erinnerungen an vergangene Tage und
Hoffnung auf den, der die kommt.

Ich erinnere mich an unseren letzten Abend, an unser letztes Gespräch.
Ich kauerte auf dem Boden, als du mich in den Arm nahmst.
Noch einmal warst du mein.
Ich konnte nicht anders, ich musste dich küssen,
deinen vor Aufregung heißen Hals.
Ich habe dich angesehen mit großen, traurigen Augen
und wir waren uns das letzte Mal nah.

Ein letztes Mal mit dir.
Ein letztes Mal wir.

Es gibt Momente, da reinigen Tränen meine Augen & erschweren mein Herz.
Nächte schießen mir durch die Venen & meine Haare verknotet der Schmerz.
Ich schreibe dir Briefe, die du nicht bekommen wirst
und verbringe die Tage im Bett, um dich wenigstens im Traum zu sehen.

Mein Herz schlägt schwer getrieben von Bitterkeit,
doch was bleibt sind Erinnerungen an vergangene Tage
und Hoffnung auf den, der nie kommt.

Kommentar zum Artikel „Wie, das iPhone zählt meine Schritte?“ von Svenja Bergt

Der Artikel „Wie, das iPhone zählt meine Schritte?“ von Svenja Bergt erschien am 31. 12. 2016 auf der Internetpräsenz der taz. Darin beschäftigt sich die Autorin mit Chancen und Gefahren von Health-Apps.
Mit einer humoristischen Bezugnahme zieht die Einleitung des Artikels den Leser in den Bann der Thematik. Die Autorin muss hierbei Wissen voraussetzen, da die Ironie für den Leser ohne dieses nicht erkennbar wäre.

Dieser Leichtigkeit wird durch rhetorische Fragen Ausdruck verliehen, die parallel aufgebaut sind.
„Wie, ich laufe nur 3000 Schritte täglich? Wie, mein iPhone zählt meine Schritte? Wie, dank Verknüpfung mit dem GPS kennt das System nicht nur meine Standorte, sondern sogar die eigene Schrittlänge?“
Hierdurch wird weiterhin der Leser angeregt mitzudenken. Der Wissende fühlt sich überlegen, der Unwissende erfährt durch eine Correctio die Bestätigung der Fragen.
Die Einleitung endet mit einem polemischen Vergleich zur Thematik des Oversharings.
Jetzt ist die Autorin sich der Aufmerksamkeit des Lesers sicher und führt eine Zäsur durch. Die Ironie weicht faktischer Kritik.

Es wird Bezug auf die Bundesdatenschutzbeauftragte genommen, die warnt, dass Gesundheitsapps und –tracker in Sachen Privatsphäre problematisch seien. Sie argumentiert mit der unbefugten Weitergabe der Daten an Dritte und damit, dass sich selbst eigene Daten nicht wieder löschen ließen.

Absatzlos fährt die Autorin fort, dass es auch nicht risikolos sei, auf Anwendungen von etablierten Institutionen zurückzugreifen, obwohl die Anzahl dieser Angebote weitaus geringer sei, als die Angebotsbreite des Google Play Stores. Hierbei ist die Wirkung der Autoritätsinstanz noch gegeben. Dass die Meinung der der Autorin entspricht, erschließt sich dem Leser nur bei genauerer Betrachtung.

Der Absatz endet mit der rhetorischen Suggestivfrage, wer denn schon die Angebotsbreite brauche. Die gänzliche Ablehnung gegenüber der technischen Datenerfassung kristallisiert sich heraus.
Im weiteren Verlauf führt die Autorin Beispiele für Apps an, bei denen es um sensible Daten geht. Diese Apps werden von der Krankenkasse angeboten, stehen allerdings im Google Play Store oder bei iTunes zum Download zur Verfügung. Die Autorin kritisiert, dass die Daten für die Technologiefirma Google unvermeidbar identifizierbar seien und gibt zu bedenken, dass Google diese Informationen „unauffällig-auffällig“ für Werbung in eigener Sache nutzen könne. Das verwendete Oxymoron ist neu und überraschend und ruft so besondere Aufmerksamkeit hervor.
Unter der Teilunterschrift „Ein europäisches Google?“ fordert die Autorin dieses.

Der Artikel kritisiert, dass auch Ministerien keine Vorbilder seien, da sie Anwendungen in den App-Stores der großen IT-Giganten zur Verfügen stellen, anstatt die Gelegenheit zu ergreifen und eine eigene Plattform zu erstellen. Auffällig ist der überwiegend hypotaktische Satzbau.
Auf den Leser wirkt dieser erklärend und informativ, weil die beigefügten Nebensätze die Aussagen der Hauptsätze unterstreichen. Die Sprache ist allerdings salopp und Redundanz aufweisend.
Die Autorin führt ihre Forderungen nach EU-internen, quelloffenen Apps, bis zur Zeile 42 im selben Stil fort, bevor sie wieder zur Sachebene zurückfindet.
Die Autorin zitiert Statements von Krankenkassen und Ministerien zur ihren Vorschlägen.
Zuletzt argumentiert sie damit, dass die durch Steuer- oder Beitragszahler finanzierten Apps großen Konzernen zu noch mehr Macht verhelfen und schließt ihren Text mit dem Appell zum Ausstieg aus dem geschilderten Kreislauf.

Dem Autoritätsargument, dass vor dem Datenhunger der Gesundheitsanwendungen warnt, die unbefugte Weitergabe an Dritte kritisiert und bemängelt, dass Daten sich nicht löschen ließen, kann ich nur beipflichten. Kritisch sehe ich auch, dass man unabhängig von den Aktivitäten, die man aufzeichnet, bei den meisten Apps auch Alter, Geschlecht, Größe und Geburtsdatum angeben muss.
Die Forderung nach einem europäischen Google kann ich demnach ebenfalls nur unterstützen. Denn die Gesundheitsapps bergen nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen. Aufzeichnungen erhöhen den Spaß an den für viele eher unerfreulichen Maßnahmen wie Fitness oder Gewichtsabnahme und so wäre ein Verzicht ein Rückschritt für die Nutzer. Nicht umsonst bezuschussen sogar einige Krankenversicherungen inzwischen Fitnesstracker.

Anschließen möchte ich mich auch der Aussage, dass es inakzeptabel sei, dass Steuer- und Beitragszahler indirekt große Internetkonzerne finanzieren. Zum einen, weil sich hinter Googles harmlosen 6 bunten Buchstaben eine Macht tummelt, die Suchergebnisse und damit Gedanken sortiert und generiert, zum anderen aus dem Grund, dass wenn Daten eine Währung sind, sich irgendwann nur noch Wohlhabende Privatsphäre leisten können, während wirtschaftlich Schwächere zum Verkauf ihrer Daten gezwungen sind.

Abschließend komme ich zu dem Ergebnis, dass Health-Apps sowohl Gefahren als auch Chancen bergen. Damit letztere überwiegen können, sehe ich die Politik in der Verantwortung. Es ist ihre Pflicht, den Bürger zu schützen. Beispielsweise durch Prävention. Denn auch Apps, die von einer Krankenkasse oder einem Pharmakonzern angeboten werden, haben werbenden Charakter. Im Prinzip ist das nicht weiter schlimm- insofern der Verbraucher darüber informiert ist.

Als 1983 gegen die bundesweite Volkszählung Bürgerinitiativen gegen die Erfassung der Daten demonstrierten, kritisierten sie leicht rückgängig zu machende Anonymisierungen, den unzureichenden Schutz vor Datenweitergabe, sowie den geplanten Abgleich der Daten mit den Melderegistern. Diese Befürchtungen erreichten viele Bürger, sodass das Bundesverfassungsgericht zunächst die Durchführung stoppte. Schließlich wurde der Zensus in Teilen für verfassungswidrig erklärt. Begründet wurde dies mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung.
Dieses historische Beispiel zeigt, dass Bürger zur Gesetzesnovellierung beitragen können und, dass erst Aufklärung zu Protest führt.
Dieser könnte ermöglichen, dass zukünftig nur eine Partei von diversen Anwendungen profitieren kann, nämlich der Nutzer selbst.

Kommentar zum Artikel “Unbezahlbare Leichtigkeit” von Franziska Hauser

Der Artikel „Unbezahlbare Leichtigkeit“ von Franziska Hauser erschien am 10.02.2017 auf der Internetpräsenz der „taz“ und befasst sich mit der Fragestellung, ob und wieso Hartz IV-Beziehende Kinder bekommen sollten.

Die Einleitung startet mit einer Erinnerung an ein verletzendes Erlebnis der Autorin im Jobcenter. Von einer Mitarbeiterin wurde sie gefragt, wie lange sie dem Steuerzahler noch auf der Tasche liegen wolle, dass ihr Leben mit Kind nicht einfacher werde und, dass sie ihrem Kind nichts bieten könne. Die Autorin bereut ihre damalige Zurückhaltung, denn gerne hätte sie gesagt, sie brauche eine Aufgabe und wenn nicht als Arbeitskraft, dann als Mutter, die ihren Kindern das Leben an sich anzubieten habe. In ihrem Gedankenexperiment entgegnet die Mitarbeiterin „Es kann eben nicht jeder alles haben“.

Bevor die Autorin dazu Stellung nimmt macht sie einen Sprung in ihrer Ausführung und erläutert zunächst ihre allgemeine Haltung. Sie wolle Fortpflanzung nicht vom Geld abhängig machen und meint, dass sich dieser Mangel mit Zeit kompensieren ließe.
Dann führt sie den fiktiven Dialog fort und geht auf das Kontra der Mitarbeiterin ein: Wenn nicht jeder alles haben kann, „dann muss eben geteilt werden“.

Die Autorin stellt damit These und Antithese gegenüber, was dazu führt, dass der Leser sie nicht als gänzlich verklärt betrachten kann, da sie Für und Wider kennt und reflektiert.
Die Debatte ums Teilen oder nicht, bezeichnet sie als gegenwärtig andauernden Kampf. Um dies zu untermauern nutzt sie das Faktenargument, dass die Geburtenrate im Schnitt im wirtschaftlich starken Deutschland niedriger sei als in armen Ländern, zum Beispiel Kenia.

Unter der Teilüberschrift „Gebraucht, geborgt, geschenkt, getauscht“ berichtet die Autorin von ihrem ersten Kind, das sie mit 24 voller Zuversicht bekam und dann doch feststellte, dass sie „Kompromisse und immer mehr Kompromisse“ machen musste. Diese Correctio bekräftigt die Schilderung des unbefriedigenden Zustands. Die Autorin musste ihre Ziele an die widrigen Gegebenheiten anpassen, zum Beispiel auch an diverse Bewerbungsablehnungen.

Die Autorin schildert, wie sie zu Dingen für die Kinder gekommen ist: „Gebraucht, geborgt, geschenkt, getauscht und manchmal geklaut“. Das verwendete Syndeton und die Alliteration fesseln die Aufmerksamkeit des Lesers und bilden einen abenteuerlichen, nahezu armutsromantisierenden Eindruck.
Des Weiteren berichtet sie von Solidaritätserfahrungen mit ihren Mitmenschen. Ihre Tochter durfte tanzen, wenn die Autorin anschließend die Halle wischte und Winterschuhe, sowie eine Waschmaschine, bekamen sie von Freunden und Bekannten.

Unverblümt gibt die Autorin zu, dass Ausflüge mit der S-Bahn nur als Schwarzfahrer möglich waren und konstatiert mit mangelnder Stringenz, dass ohne Hilfe dieses Leben nicht möglich gewesen sei. Sie meint, dass die Meisten genug besäßen und bei Not bereit seien zu teilen.

Die Gedankenführung macht einen erneuten inhaltlichen Sprung, wobei nur der Satzbau eine Linie erkennen lässt. „Wir brauchten es wirklich. Wir waren zufrieden“. In Bezug auf die Kinder störte sich die Autorin nicht an ihrer Rolle als Nehmende.
Den Teilabschnitt „Notwendiges teurer als Luxus“ beginnt die Autorin mit der rhetorischen Frage, die impliziert, dass wenn einem Millionär sein Geld im Überfluss zustünde, auch ihr das wenige Hartz IV gegönnt sei. Der antithetische Vergleich beleuchtet die Vielschichtigkeit des Verhältnisses von arm und reich, da beide Extreme genannt werden. Dem Leser wird sein eigener Zwiespalt gegenüber den genannten Gruppierungen bewusst.

Die Autorin gibt zu bedenken, dass sie trotz wenig Geld immerhin Kinder für diese Gesellschaft großziehe.
Sie bemängelt, dass notwendiges wie Miete teurer sei als Luxusgüter wie Flugreisen, bevor sie wieder in eine autobiografische Rückblende verfällt. Sie erinnert sich zurück, wie sie den Tanzsaal reinigt und fragt sich in einer rhetorischen Frage, ob sie sich nicht vielleicht bemitleide, um sich von der Erkenntnis abzulenken, eine Versagerin zu sein. Sie gibt dem Leser tiefe Einblicke in ihre Emotionen und ihre Motivlage.

Sie habe geglaubt ihren Kindern ein gutes Leben ermöglichen zu können wie ihre eigene Mutter ihr selbst und dass sie das fehlende Geld mit vorhandener Zeit kompensieren könne. Trotz aller Anstrengungen der Erziehung war sie stets froh über ihre Kinder.

Die Autorin entgegnet dem Vorwurf, dass man Kinder nur mit den nötigen finanziellen Mitteln bekommen solle damit, dass man es auch unterlassen solle, wenn man lieber arbeitet, als sich mit ihnen zu beschäftigen. Berufstätigkeit wird hierdurch zu einem negativen Aspekt verkehrt. Damit findet eine Abwertung des potentiellen arbeitenden Gegners statt und die Autorin attestiert ihm damit eigene moralische Defizite. Den Passus beendet sie mit der Erklärung, dass sie Zufriedenheit nicht als etwas ausschließlich durch Geld zu erreichendes ansehen wollte und sie fühlte sich auch von Stolz erfüllt, wenn sie ohne dieses etwas erreicht hatte.

Unter dem letzten Abschnitt „Keine Angst vorm Absturz“ erwähnt die Autorin erstmals die Kinderperspektive. Belastend sei es für diese gewesen sich „durchzumogeln“. Das verwendete Verb macht einen auf den Leser unaufrichtigen Eindruck, der allerdings durch die schonungslose Offenbarung aufgehoben wird.
Jetzt erklärt sich der Titel des Artikels: „Unbezahlbare Leichtigkeit“ erreicht man dadurch, dass man nichts verlieren kann, was man nicht besitzt.
Zuletzt resümiert die Autorin, dass sie zu Zeiten, in denen sie von Hartz 4 gelebt habe glücklicher gewesen sei als heute, wo 3 verschiedene Arbeitsstellen ihr Leben dominieren.

Die Aussage, dass die Hartz IV-Beziehende eine Aufgabe wolle, wenn nicht als Arbeitskraft, so als Mutter, klingt sehr egoistisch. Sie möchte Kinder, da diese sie brauchen und sie Ihnen das Leben anzubieten habe. Allerdings ist es immer egoistisch eigene Kinder zu bekommen. Jeden Tag werden weltweit Babys zur Adoption freigegeben, dennoch überlegt kaum jemand, ob er nicht einem schon geborenen Kind die Möglichkeit geben möchte, es bei und durch ihn gut zu haben. Folglich geht es nicht darum, die Bedürfnisse eines anderen zu stillen, sondern primär um die Befriedigung der eigenen. Eltern wollen ein Projekt, ihre Gene weitergeben, geliebt werden und sich im Optimalfall im Alter versorgt wissen.

Die These, dass geteilt werden muss, wenn nicht jeder alles haben kann, wird damit begründet, dass die Menschheit ausstirbt, wenn jeder nur darauf Bedacht ist, seinen Besitz zu schützen. Dass dieser negativ mit Kinderkriegen korreliert, zeigt die Statistik der Geburtenrate im Ländervergleich.
Trotz des Wohlstands in Deutschland wächst jedes 7. Kind in Armut auf. Das spiegelt keine Eigenschaften deren Eltern wieder, sondern die Arbeitsmarktlage mit fehlenden Arbeitsplätzen und niedriger Bezahlung.
Viele werden erst nach dem Kind hilfsbedürftig, nach Scheidungen zum Beispiel. Was soll die Alleinerziehende auch tun, wenn ihr Mann sie verlässt und sie anschließend nicht einmal mehr vom Ehegattensplitting profitieren kann, das kinderlosen Ehepaaren zusteht, sie selbst aber ausschließt. Selbst wenn sie arbeitet ist sie bei zu niedrigem Gehalt auf Sozialleistungen angewiesen, denn Arbeit schützt nicht automatisch vor Armut.

Der Autorenmeinung, dass ihr Hartz IV zustehe, da sie Kinder für die Gesellschaft großziehe, kann ich auch nur zustimmen. Immerhin lebt sie am Existenzminimum und investiert das wenige Geld und ihre ganze Zeit in die Kinder, die später nicht einmal die Rente der Autorin selbst bezahlen werden, sondern vermutlich die eines kinderlosen Karrieristen, der sich am Ende seines Lebens sicher ist, sich seine üppige Pension hart erarbeitet zu haben, während die Mutter, die ihr Leben für die Kindererziehung geopfert hat, keine Chance hat sich Wohlstand zu erarbeiten.

Den Wunsch nach Gerechtigkeit insofern, dass Dinge wie Wohnraum erschwinglicher sein sollten kann ich ebenfalls nur unterstützen. Damit wäre auch anderen Personengruppen, wie zum Beispiel Studenten geholfen, die in einer kostspieligen Stadt eine Zulassung erhalten haben.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass jeder Mensch sein Leben so gestalten können sollte, wie er möchte. Der Mensch soll sich frei entfalten können und wenn das System das verhindert, müssen bestehende Strukturen angepasst werden. Oft werden die Schlusslichter der Gesellschaft verurteilt und beschuldigt, versagt zu haben. Wir kämpfen mit Ellenbogen gegeneinander und verachten die Verlierer, anstatt nach oben zu schauen und Solidarität zu fordern. Solidarität der 62 reichsten Menschen der Erde zum Beispiel, die genauso viel besitzen, wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.

Langeweile- Fluch oder Segen?

„Mama, mir ist langweilig!“
„Nur dumme Menschen langweilen sich.“
So oder ähnlich könnte eine Mutter auf das Nörgeln ihres Kindes reagieren und wie immer läge auch einer unbedachten Aussage wie dieser eine Ursache zugrunde: Stress ist im Trend.
Menschen, die Zeit haben, sind nicht gefragt und wenn sie diese auch noch genießen ist für Außenstehende klar: Sie verschwenden ihr Leben, sind unproduktiv und damit minderwertig.

Was wird wohl die Folge für das Kind sein, das in dieser Annahme aufwächst?
Die mangelnde Bereitschaft der beschriebenen Mutter die Langeweile ihres Kindes zu beenden ist erstmal positiv, denn der dadurch entstandene Freiraum des Kindes fördert seine Selbsttätigkeit. Freie Zeit ermöglicht dem Kind intrinsisch motiviert die Welt zu erkunden. Auch das daraus möglicherweise entstehende Spiel „Der Boden ist Lava!“, bei dem es darum geht, von Möbelstück zu Möbelstück zu springen ohne den Boden zu berühren, darf nicht als Zeitverschwendung betrachtet werden. Denn es wirkt zunächst banal, doch aus Langeweile erwächst das Spiel und in diesem selbstgesetzte Ziele und die Motivation, um diese zu erreichen.

Eigene Fähigkeiten aber auch Grenzen werden erlebt und das Kind kann Mut und Selbstvertrauen entwickeln. Einem Kind, dem die Chance auf Langeweile verwehrt wird, wird folglich auch die Möglichkeit genommen sich und den Moment wahrzunehmen und einfach nur zu sein, ohne in eine Richtung gezogen zu werden.

Wenn das Kind nun aber heranwächst, nicht mehr unbedacht die Dinge angeht und weiß, dass Eltern Langeweile nicht tolerieren, wird Langeweile als Schwäche verinnerlicht und erlebt.
Der entstandene Glaubenssatz lautet: Ich muss etwas Sinnvolles tun.
Sinnvoll ist dabei aber nicht was glücklich macht, sondern Fortschritt bringt.
Nicht individuell, sondern gesellschaftlich.
Zeit wird nicht mehr erlebt, sondern investiert. In einen guten Schulabschluss zum Beispiel.
Doch dieser allein ist nicht genug. Freiwilliges Engagement, Auslandserfahrung und gute Fremdsprachenkenntnisse sind ein absolutes Muss- aber wofür eigentlich?

Zeit und der Umgang mit dieser sind ein kulturelles Konstrukt.
„Zeit ist Geld“, heißt es im deutschen, monochronen Zeitverständnis, wodurch Pünktlichkeit wichtig wird. Zeit wird mit etwas Materiellem gleichgesetzt, das man haben, oder verlieren kann.
Der Verlauf ist linear: Eins nach dem anderen, „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“.
Stellvertretend hierfür könnte man auch den schwäbischen Ausdruck „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ anführen, der alles beinhaltet, was als tugendhaft angesehen wird: Arbeitseifer, Fleiß und Ehrgeiz.
Mit diesem Ethos verkommen freie Zeit, Ziellosigkeit und Langeweile zwangsläufig zu einem Laster.

Dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigt ein Blick auf andere Kulturen.
In Afrika zum Beispiel herrscht bei den Menschen weitgehend ein polychrones Zeitverständnis vor.
Dieses kennt den Kampf des Menschen gegen die Zeit nicht.
Der Mensch lebt nicht gegen die Zeit, sondern in ihr. Im Hier und Jetzt. Zeit ist wie Tag und Nacht, eingebettet in die die Natur und somit der normale Lauf der Dinge. Entsprechend kann Zeit weder verloren, noch eingespart werden. Daraus folgt auch, dass es nicht unhöflich ist, jemanden warten zu lassen und selbst zu warten ist auch kein Ärgernis, sondern normal.

Auch wenn dieses Zeitverständnis zunächst befremdlich wirkt, halte ich es für erstrebenswert freie Zeit und auch Langeweile, die daraus hin und wieder resultiert, nicht als quälend zu empfinden und Zeit nicht „totzuschlagen“. Schon die Sprache zeigt, wie Menschen, die Lebenszeit vernichten möchten zu dieser und somit zu ihrem Leben stehen: ablehnend, oder gar aggressiv.

Für Friedrich Nietzsche war die Langeweile poetisch gesprochen die „Windstille der Seele“ und trotz des schlechten Images birgt Langeweile auch heute noch dieses Potential für Freiraum, Kreativität, Ruhe und Besinnung.