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Die Fahne der Wünsche von Tijan Sila

Der Inhalt 

Ambrosio ist ein sechzenjähriger Rennradprofi. Seine Heimat ist das fiktive Crocutanien, wo die spiroistische Partei das Sagen hat. 
Zu Beginn des Romans lebt er mit seiner psychisch kranken Mutter zusammen. Seit dem Tod des Vaters schottet sich diese von der Außenwelt ab.
Um dem zu entfliehen, verbringt der junge Sportler seine Tage außerhalb seines Trainings lieber in Spielhallen mit Flipper, oder mit seiner Freundin Betty am See.

Erwachsenwerden im Spiroismus ist alles andere als leicht.
Beispielsweise wurde die Kondomproduktion eingestellt, Alkohol und Zigaretten dürfen erst mit 21 erworben werden und sogar das Masturbieren ist verboten.
Erste sexuelle Erfahrungen machen Jugendliche heimlich in einem Park. Die Devise lautet: „ Zum Bumsen in den Barza”.
Als das Bild eines unanständigen Flippers auftaucht, wird auch dieses Spiel als „ besonders schädliche Ablenkung” gelistet und verboten.

Das obere Drittel des Spielfelds nahmen die gespreizten Beine einer Frau ein, die behaarte Vulva deutlich sichtbar. Ein weißes Sekret tropfte aus ihr. Vor dem Bauch des Spielers (…) waren zwei erigierte Penisse aufeinander gerichtet. (S. 68)

Weitere gefährdete Personengruppen im Spiroismus sind Landstreicher, Homosexuelle, psychisch Kranke wie Ambrosios Mutter, und Mitglieder der freien Jugend. Es gibt Erziehungsanstalten, wo diese Menschen dazu übergehen sollen sich so zu verhalten, wie es das Regime erwartet.

Seiner häuslichen Situation entkommt Ambrosio durch seinen Trainer Niccoló. Zunächst nimmt er ihn bei sich auf und ermöglicht ihm die Teilnahme an Wettkämpfen im Ausland. Dabei wird Ambrosio bewusst, dass das Leben außerhalb des Landes mehr zu bieten hat. Schöne Kleidung, große Häuser, bessere Rennräder.
Wer kann, der flieht

Ich hatte keine Zweifel mehr daran, dass ich auswandern würde. Wie sehr meine Pläne zu den Gegebenheiten in unserem Land im Widerspruch standen, war mir nicht bewusst, und Niccoló lachte über meine Naivität.

 

Das Fazit

Die Fahne der Wünsche ist ein Roman über politische Willkür, die sehr an den Kommunismus erinnert.
Brutalität, Willkür und die Knappheit an Gütern werden beschrieben.
Ebenfalls vorkommend ist der aktuelle Aspekt der Fake News, die von den Machthabern eingesetzt werden, um eigene Wert- und Normvorstellungen in Form von Gesetzen zu manifestieren. 

Obwohl der Protagonist Ambrosio in Crocutanien lebt und aufwächst, weiß er nicht zu viel über die bestehende Politik, was sich auch auf den Leser überträgt. Die Besonderheiten Crocutaniens haben sich für mich nicht herauskristallisiert.

Ambrosio heißt die Machenschaften nicht gut, lehnt er sich aber auch nicht auf. Er ist feige und lässt sich instrumentalisieren. Eine andere Wahl hat er nicht.
Die Charaktere sind durchgehend authentisch und glaubwürdig gezeichnet.

Die Sprachgestaltung ist, wie man es von Tijan Sila kennt: humorvoll, reich an Metaphern und ergreifend.
Die Spannung hält sich durchgehend und nimmt gegen Ende sogar nochmal zu.

Der Schluss hat mich nachdenklich gestimmt: Nehmen wir unsere Freiheit ernst genug? Sind wir zu bequem?
Solange wir mitbestimmen können, sollten wir dies tun.
Damit Hoffnung Realität werden kann, und nicht wie in Crocutanien zu unerfüllten Sehnsüchten verfällt.

 

Auf einen Blick

 

Tijan Sila
Die Fahne der Wünsche
Roman
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05134-6
Erschienen am: 07.09.2018
320 Seiten, gebunden mit SU