Langeweile- Fluch oder Segen?

„Mama, mir ist langweilig!“
„Nur dumme Menschen langweilen sich.“
So oder ähnlich könnte eine Mutter auf das Nörgeln ihres Kindes reagieren und wie immer läge auch einer unbedachten Aussage wie dieser eine Ursache zugrunde: Stress ist im Trend.
Menschen, die Zeit haben, sind nicht gefragt und wenn sie diese auch noch genießen ist für Außenstehende klar: Sie verschwenden ihr Leben, sind unproduktiv und damit minderwertig.

Was wird wohl die Folge für das Kind sein, das in dieser Annahme aufwächst?
Die mangelnde Bereitschaft der beschriebenen Mutter die Langeweile ihres Kindes zu beenden ist erstmal positiv, denn der dadurch entstandene Freiraum des Kindes fördert seine Selbsttätigkeit. Freie Zeit ermöglicht dem Kind intrinsisch motiviert die Welt zu erkunden. Auch das daraus möglicherweise entstehende Spiel „Der Boden ist Lava!“, bei dem es darum geht, von Möbelstück zu Möbelstück zu springen ohne den Boden zu berühren, darf nicht als Zeitverschwendung betrachtet werden. Denn es wirkt zunächst banal, doch aus Langeweile erwächst das Spiel und in diesem selbstgesetzte Ziele und die Motivation, um diese zu erreichen.

Eigene Fähigkeiten aber auch Grenzen werden erlebt und das Kind kann Mut und Selbstvertrauen entwickeln. Einem Kind, dem die Chance auf Langeweile verwehrt wird, wird folglich auch die Möglichkeit genommen sich und den Moment wahrzunehmen und einfach nur zu sein, ohne in eine Richtung gezogen zu werden.

Wenn das Kind nun aber heranwächst, nicht mehr unbedacht die Dinge angeht und weiß, dass Eltern Langeweile nicht tolerieren, wird Langeweile als Schwäche verinnerlicht und erlebt.
Der entstandene Glaubenssatz lautet: Ich muss etwas Sinnvolles tun.
Sinnvoll ist dabei aber nicht was glücklich macht, sondern Fortschritt bringt.
Nicht individuell, sondern gesellschaftlich.
Zeit wird nicht mehr erlebt, sondern investiert. In einen guten Schulabschluss zum Beispiel.
Doch dieser allein ist nicht genug. Freiwilliges Engagement, Auslandserfahrung und gute Fremdsprachenkenntnisse sind ein absolutes Muss- aber wofür eigentlich?

Zeit und der Umgang mit dieser sind ein kulturelles Konstrukt.
„Zeit ist Geld“, heißt es im deutschen, monochronen Zeitverständnis, wodurch Pünktlichkeit wichtig wird. Zeit wird mit etwas Materiellem gleichgesetzt, das man haben, oder verlieren kann.
Der Verlauf ist linear: Eins nach dem anderen, „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“.
Stellvertretend hierfür könnte man auch den schwäbischen Ausdruck „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ anführen, der alles beinhaltet, was als tugendhaft angesehen wird: Arbeitseifer, Fleiß und Ehrgeiz.
Mit diesem Ethos verkommen freie Zeit, Ziellosigkeit und Langeweile zwangsläufig zu einem Laster.

Dass dies nicht selbstverständlich ist, zeigt ein Blick auf andere Kulturen.
In Afrika zum Beispiel herrscht bei den Menschen weitgehend ein polychrones Zeitverständnis vor.
Dieses kennt den Kampf des Menschen gegen die Zeit nicht.
Der Mensch lebt nicht gegen die Zeit, sondern in ihr. Im Hier und Jetzt. Zeit ist wie Tag und Nacht, eingebettet in die die Natur und somit der normale Lauf der Dinge. Entsprechend kann Zeit weder verloren, noch eingespart werden. Daraus folgt auch, dass es nicht unhöflich ist, jemanden warten zu lassen und selbst zu warten ist auch kein Ärgernis, sondern normal.

Auch wenn dieses Zeitverständnis zunächst befremdlich wirkt, halte ich es für erstrebenswert freie Zeit und auch Langeweile, die daraus hin und wieder resultiert, nicht als quälend zu empfinden und Zeit nicht „totzuschlagen“. Schon die Sprache zeigt, wie Menschen, die Lebenszeit vernichten möchten zu dieser und somit zu ihrem Leben stehen: ablehnend, oder gar aggressiv.

Für Friedrich Nietzsche war die Langeweile poetisch gesprochen die „Windstille der Seele“ und trotz des schlechten Images birgt Langeweile auch heute noch dieses Potential für Freiraum, Kreativität, Ruhe und Besinnung.

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