Kommentar zum Artikel „Wie, das iPhone zählt meine Schritte?“ von Svenja Bergt

Der Artikel „Wie, das iPhone zählt meine Schritte?“ von Svenja Bergt erschien am 31. 12. 2016 auf der Internetpräsenz der taz. Darin beschäftigt sich die Autorin mit Chancen und Gefahren von Health-Apps.
Mit einer humoristischen Bezugnahme zieht die Einleitung des Artikels den Leser in den Bann der Thematik. Die Autorin muss hierbei Wissen voraussetzen, da die Ironie für den Leser ohne dieses nicht erkennbar wäre.

Dieser Leichtigkeit wird durch rhetorische Fragen Ausdruck verliehen, die parallel aufgebaut sind.
„Wie, ich laufe nur 3000 Schritte täglich? Wie, mein iPhone zählt meine Schritte? Wie, dank Verknüpfung mit dem GPS kennt das System nicht nur meine Standorte, sondern sogar die eigene Schrittlänge?“
Hierdurch wird weiterhin der Leser angeregt mitzudenken. Der Wissende fühlt sich überlegen, der Unwissende erfährt durch eine Correctio die Bestätigung der Fragen.
Die Einleitung endet mit einem polemischen Vergleich zur Thematik des Oversharings.
Jetzt ist die Autorin sich der Aufmerksamkeit des Lesers sicher und führt eine Zäsur durch. Die Ironie weicht faktischer Kritik.

Es wird Bezug auf die Bundesdatenschutzbeauftragte genommen, die warnt, dass Gesundheitsapps und –tracker in Sachen Privatsphäre problematisch seien. Sie argumentiert mit der unbefugten Weitergabe der Daten an Dritte und damit, dass sich selbst eigene Daten nicht wieder löschen ließen.

Absatzlos fährt die Autorin fort, dass es auch nicht risikolos sei, auf Anwendungen von etablierten Institutionen zurückzugreifen, obwohl die Anzahl dieser Angebote weitaus geringer sei, als die Angebotsbreite des Google Play Stores. Hierbei ist die Wirkung der Autoritätsinstanz noch gegeben. Dass die Meinung der der Autorin entspricht, erschließt sich dem Leser nur bei genauerer Betrachtung.

Der Absatz endet mit der rhetorischen Suggestivfrage, wer denn schon die Angebotsbreite brauche. Die gänzliche Ablehnung gegenüber der technischen Datenerfassung kristallisiert sich heraus.
Im weiteren Verlauf führt die Autorin Beispiele für Apps an, bei denen es um sensible Daten geht. Diese Apps werden von der Krankenkasse angeboten, stehen allerdings im Google Play Store oder bei iTunes zum Download zur Verfügung. Die Autorin kritisiert, dass die Daten für die Technologiefirma Google unvermeidbar identifizierbar seien und gibt zu bedenken, dass Google diese Informationen „unauffällig-auffällig“ für Werbung in eigener Sache nutzen könne. Das verwendete Oxymoron ist neu und überraschend und ruft so besondere Aufmerksamkeit hervor.
Unter der Teilunterschrift „Ein europäisches Google?“ fordert die Autorin dieses.

Der Artikel kritisiert, dass auch Ministerien keine Vorbilder seien, da sie Anwendungen in den App-Stores der großen IT-Giganten zur Verfügen stellen, anstatt die Gelegenheit zu ergreifen und eine eigene Plattform zu erstellen. Auffällig ist der überwiegend hypotaktische Satzbau.
Auf den Leser wirkt dieser erklärend und informativ, weil die beigefügten Nebensätze die Aussagen der Hauptsätze unterstreichen. Die Sprache ist allerdings salopp und Redundanz aufweisend.
Die Autorin führt ihre Forderungen nach EU-internen, quelloffenen Apps, bis zur Zeile 42 im selben Stil fort, bevor sie wieder zur Sachebene zurückfindet.
Die Autorin zitiert Statements von Krankenkassen und Ministerien zur ihren Vorschlägen.
Zuletzt argumentiert sie damit, dass die durch Steuer- oder Beitragszahler finanzierten Apps großen Konzernen zu noch mehr Macht verhelfen und schließt ihren Text mit dem Appell zum Ausstieg aus dem geschilderten Kreislauf.

Dem Autoritätsargument, dass vor dem Datenhunger der Gesundheitsanwendungen warnt, die unbefugte Weitergabe an Dritte kritisiert und bemängelt, dass Daten sich nicht löschen ließen, kann ich nur beipflichten. Kritisch sehe ich auch, dass man unabhängig von den Aktivitäten, die man aufzeichnet, bei den meisten Apps auch Alter, Geschlecht, Größe und Geburtsdatum angeben muss.
Die Forderung nach einem europäischen Google kann ich demnach ebenfalls nur unterstützen. Denn die Gesundheitsapps bergen nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen. Aufzeichnungen erhöhen den Spaß an den für viele eher unerfreulichen Maßnahmen wie Fitness oder Gewichtsabnahme und so wäre ein Verzicht ein Rückschritt für die Nutzer. Nicht umsonst bezuschussen sogar einige Krankenversicherungen inzwischen Fitnesstracker.

Anschließen möchte ich mich auch der Aussage, dass es inakzeptabel sei, dass Steuer- und Beitragszahler indirekt große Internetkonzerne finanzieren. Zum einen, weil sich hinter Googles harmlosen 6 bunten Buchstaben eine Macht tummelt, die Suchergebnisse und damit Gedanken sortiert und generiert, zum anderen aus dem Grund, dass wenn Daten eine Währung sind, sich irgendwann nur noch Wohlhabende Privatsphäre leisten können, während wirtschaftlich Schwächere zum Verkauf ihrer Daten gezwungen sind.

Abschließend komme ich zu dem Ergebnis, dass Health-Apps sowohl Gefahren als auch Chancen bergen. Damit letztere überwiegen können, sehe ich die Politik in der Verantwortung. Es ist ihre Pflicht, den Bürger zu schützen. Beispielsweise durch Prävention. Denn auch Apps, die von einer Krankenkasse oder einem Pharmakonzern angeboten werden, haben werbenden Charakter. Im Prinzip ist das nicht weiter schlimm- insofern der Verbraucher darüber informiert ist.

Als 1983 gegen die bundesweite Volkszählung Bürgerinitiativen gegen die Erfassung der Daten demonstrierten, kritisierten sie leicht rückgängig zu machende Anonymisierungen, den unzureichenden Schutz vor Datenweitergabe, sowie den geplanten Abgleich der Daten mit den Melderegistern. Diese Befürchtungen erreichten viele Bürger, sodass das Bundesverfassungsgericht zunächst die Durchführung stoppte. Schließlich wurde der Zensus in Teilen für verfassungswidrig erklärt. Begründet wurde dies mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung.
Dieses historische Beispiel zeigt, dass Bürger zur Gesetzesnovellierung beitragen können und, dass erst Aufklärung zu Protest führt.
Dieser könnte ermöglichen, dass zukünftig nur eine Partei von diversen Anwendungen profitieren kann, nämlich der Nutzer selbst.

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